Einen Scheiß musst du im Ruhestand. Und genau das ist das Problem.
- Stefan

- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Ein Beitrag zur Blogparade "Einen Scheiß muss ich!" von Silke Geissen.
Es gibt diesen einen Satz, den fast alle sagen, wenn der Ruhestand näher rückt: "Endlich muss ich nichts mehr."

Kein Wecker, der klingelt, weil jemand anderes es so will. Keine Meetings, keine Deadlines, kein Chef, der die Stirn runzelt. Endlich Freiheit. Endlich tun und lassen, was man will.
Und dann passiert etwas Merkwürdiges.
Das Müssen kommt zurück – nur leiser
Ein paar Monate nach dem Abschied taucht ein neuer Satz auf. Manchmal kommt er von außen, vom Partner, von Freunden. Meistens aber kommt er von innen:
"Du müsstest doch jetzt endlich deine Wünsche umsetzen."
Die Sprachreise. Das Buchprojekt. Der Garten. Das Ehrenamt. All die Dinge, die jahrzehntelang auf der Liste standen – für später, wenn endlich Zeit ist. Jetzt ist später. Und irgendwie kommt man trotzdem nicht ins Tun.
Woran liegt das?
Niemand klopft mehr auf die Finger
Im Berufsleben war das Müssen nie allein unterwegs. Es kam immer im Doppelpack – mit Resonanz.
Da war jemand, der auf die Finger klopfte, wenn etwas liegen blieb. Jemand, dem man das Ergebnis zeigen konnte. Jemand, der nickte, kritisierte, sich bedankte, weiterfragte. Das Müssen war anstrengend, ja. Aber es hatte ein Echo.
Im Ruhestand verstummt dieses Echo. Wer merkt es, wenn ich die Sprachreise wieder verschiebe? Niemand. Wem präsentiere ich das fertige Projekt? Keinem. Vielleicht stimmt das nicht ganz – Freunde, Familie, der Verein können solche Räume sein. Aber die Grundwahrheit bleibt: Ab jetzt bin ich selbst derjenige, der das Müssen für mich definiert.
Klingt nach Freiheit. Ist aber erst mal eine Zumutung.
Der Trugschluss vom schönen Nichts-Müssen
Denn hier sitzt der eigentliche Denkfehler, und er ist so verbreitet, dass er kaum jemandem auffällt:
Wir glauben, das Müssen sei unser Gegner gewesen. Dabei war es jahrzehntelang der Lieferant für etwas, das wir viel mehr brauchen als Freizeit: das Gefühl, wirksam zu sein.
Wenn wir nichts mehr müssen, fällt nicht nur der Druck weg. Es fällt auch der Beweis weg, dass unser Tun einen Unterschied macht. Und ohne diesen Beweis beginnt etwas zu bröckeln, das Psychologen Selbstwirksamkeit nennen – die Erfahrung: Was ich tue, bewirkt etwas. Ich kann etwas.
Selbstwirksamkeit ist kein Luxus. Sie ist einer der stärksten Träger von Zufriedenheit, die wir kennen. Menschen, die sich wirksam fühlen, sind gesünder, zuversichtlicher, glücklicher. Menschen, die dieses Gefühl verlieren, spüren eine Leere, die sich mit noch so vielen Reisen nicht füllen lässt.
Die eigentliche Frage
Die Frage für den Ruhestand lautet also nicht: "Was muss ich noch?" – die Antwort darauf ist tatsächlich: einen Scheiß.
Die Frage lautet: "Wie erzeuge ich mir das Gefühl von Wirksamkeit, wenn es mir niemand mehr liefert?"
Drei Gedanken dazu, die sich in meiner Arbeit mit Menschen im Übergang immer wieder bewähren:
1. Wollen statt Müssen – aber verbindlich. Ein Wunsch wird erst wirksam, wenn er einen Rahmen bekommt. Nicht "irgendwann mal Italienisch lernen", sondern: dienstags, 10 Uhr, Kurs, mit Anmeldung. Das ist kein neues Müssen von außen. Das ist ein gewähltes Wollen mit Rückgrat.
2. Resonanzräume selbst bauen. Wenn niemand mehr automatisch hinschaut, dann lade ich Menschen ein hinzuschauen. Ein Freund, dem ich alle zwei Wochen erzähle, wo ich stehe. Eine Gruppe, in der ich zeige, was entstanden ist. Das Echo kommt nicht mehr von allein – aber es lässt sich organisieren.
3. Wirksamkeit braucht ein Gegenüber. Am stärksten spüren wir sie, wenn unser Tun bei jemandem ankommt. Etwas weitergeben, jemanden begleiten, gebraucht werden – das ist kein Pflichtprogramm fürs Ehrenamt, sondern der direkteste Weg zurück ins Gefühl: Ich bewirke etwas.
Einen Scheiß musst du. Aber wirksam sein willst du.
Der Ruhestand ist nicht die Befreiung vom Müssen. Er ist die Einladung, das Müssen durch etwas Besseres zu ersetzen: durch ein Wollen, das trägt.
Das ist Arbeit. Niemand klopft dir dafür auf die Finger, wenn du sie liegen lässt. Aber vielleicht ist genau das der eine Satz, der bleibt, wenn alle Müssen-Sätze gestrichen sind:
Einen Scheiß muss ich – aber ich will spüren, dass es mich gibt.
Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade "Einen Scheiß muss ich!" von Silke Geissen. Danke für die Einladung zum Nachdenken.




Lieber Stefan,
oh, ein gewichtiger Punkt! Vielen Dank für diesen neuen Aspekt, der mit deinem wunderbaren Artikel erstmals in der Blogparade auftaucht.
Und wie gut, dass du Menschen unterstützt, die an dieser Schwelle stehen und plötzlich nicht mehr wissen, wie sie ihr lange Aufgeschobenes und Geplantes strukturieren, ob sie es noch wollen, wie es überhaupt weitergehen soll. Ich kann mir gut vorstellen, wie überfordernd es ist, sich nicht mehr in einer relativ festen Struktur mit klar definierten Frei-Zeiten und Ferien zu bewegen. Und sich eben nicht mehr als wirksam zu empfinden.
Danke für deinen schönen Blogartikel und für deine zweite Teilnahme an einer meiner Blogparaden; ich freue mich sehr!
Liebe Grüße aus Hamburg
Silke
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